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„Ste­hen ist mehr als auf­recht sein“

Wer ste­hen kann, denkt meist nicht dar­über nach. Man steht auf, nimmt eine Tas­se aus dem Schrank, rührt in der Pfan­ne, dreht sich im Gespräch jeman­dem zu oder steht kurz auf, weil lan­ges Sit­zen unbe­quem wird. Ste­hen gehört so selbst­ver­ständ­lich zum All­tag, dass sei­ne Bedeu­tung oft erst sicht­bar wird, wenn es nicht oder nur mit Unter­stüt­zung mög­lich ist.

  • von Annina Humanes
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Quel­le: Sun­ri­se Medi­cal – Leckey Squig­gles plus

Für Men­schen mit ein­ge­schränk­ter Mobi­li­tät kann Ste­hen des­halb weit mehr sein als eine the­ra­peu­ti­sche Mass­nah­me. Es kann den Kör­per unter­stüt­zen, den All­tag erleich­tern und neue For­men der Teil­ha­be ermög­li­chen. Gleich­zei­tig ist Ste­hen kein Ziel für sich allein. Es muss zur Per­son, zur kör­per­li­chen Situa­ti­on und zum All­tag passen.

Gera­de dar­in liegt die Her­aus­for­de­rung. Nicht jedes Hilfs­mit­tel passt zu jeder Per­son. Nicht jede Steh­funk­ti­on wird im All­tag wirk­lich genutzt. Und nicht jede gute Idee aus der Theo­rie funk­tio­niert spä­ter zwi­schen Küchen­tisch, Schul­zim­mer, Arbeits­platz, Trans­fers, wenig Platz und Tagen, an denen die Ener­gie schlicht nicht reicht.

Der Kör­per braucht Wechsel

Aus fach­li­cher Sicht kann regel­mäs­si­ges Ste­hen ver­schie­de­ne kör­per­li­che Funk­tio­nen unter­stüt­zen. Dazu gehö­ren Kreis­lauf, Atmung und Ver­dau­ung. Zusätz­lich kann es Kon­trak­tu­ren vorbeugen.

Unter einer Kon­trak­tur ver­steht man die Ver­kür­zung bzw. Schrump­fung eines Gewe­bes, z.B. eines Mus­kels, einer Seh­ne oder der Bän­der. Sie führt zu einer Bewe­gungs­ein­schrän­kung bzw. Zwangs­fehl­stel­lung in anlie­gen­den Gelen­ken. Kon­trak­tu­ren kön­nen rever­si­bel oder irrever­si­bel sein.-

Bei Kin­dern kommt eine wei­te­re Dimen­si­on hin­zu. Sie befin­den sich im Wachs­tum. Ihr Kör­per ent­wi­ckelt sich, ihre Kno­chen und Gelen­ke ver­än­dern sich, ihre Wahr­neh­mung der Welt wird lau­fend neu geord­net. Wenn ein Kind nicht selbst­stän­dig ste­hen kann, stellt sich des­halb früh die Fra­ge, wie die auf­rech­te Posi­ti­on sinn­voll unter­stützt wer­den kann. Dabei geht es nicht dar­um, mög­lichst schnell ein Hilfs­mit­tel ein­zu­set­zen, son­dern Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten recht­zei­tig mit­zu­den­ken. Gera­de bei klei­nen Kin­dern kann Ste­hen unter ande­rem für die Hüf­t­ent­wick­lung bedeut­sam sein. Wird die Hüf­te nicht aus­rei­chend belas­tet oder geführt, kann es je nach Situa­ti­on zu Fehl­ent­wick­lun­gen kommen.
Vie­le Eltern begeg­nen dem ers­ten Hilfs­mit­tel mit Zurück­hal­tung. Das ist ver­ständ­lich. Ein Hilfs­mit­tel macht sicht­bar, dass ein Kind Unter­stüt­zung braucht. Gera­de der Schritt vom Kin­der­wa­gen zu einem Roll­stuhl, Steh­trai­ner oder einer ande­ren Ver­sor­gung kann emo­tio­nal schwie­rig sein. Sie geben aber Kin­dern Zugang zu Erfah­run­gen, Bewe­gun­gen und All­tags­si­tua­tio­nen, die ohne Unter­stüt­zung viel­leicht aus­blei­ben wür­den. Die Sor­ge, ein Hilfs­mit­tel kön­ne die Moti­va­ti­on zum Lau­fen­ler­nen ver­min­dern, ist nach­voll­zieh­bar. In der Pra­xis zeigt sich jedoch häu­fig: Kin­der, die lau­fen möch­ten und die kör­per­li­chen Vor­aus­set­zun­gen dafür haben, ver­lie­ren die­ses Ziel nicht, nur weil sie ein Hilfs­mit­tel nut­zen. Ein Hilfs­mit­tel ersetzt Ent­wick­lung nicht. Es kann viel­mehr hel­fen, Ent­wick­lungs­schrit­te über­haupt mög­lich zu machen.
Trotz­dem braucht es Vor­sicht. Ste­hen darf nie erzwun­gen wer­den. Bestehen bereits Kon­trak­tu­ren oder ist die Kno­chen­be­last­bar­keit ein­ge­schränkt, kann eine fal­sche Anwen­dung scha­den. Beson­ders bei Men­schen, die lan­ge im Roll­stuhl sit­zen, kön­nen Kno­chen fra­gi­ler sein. Mit Kraft gegen Wider­stän­de zu arbei­ten, ist des­halb kei­ne Lösung. Ste­hen gehört in pro­fes­sio­nel­le Hän­de und muss sorg­fäl­tig auf­ge­baut werden.

Wenn Ste­hen im All­tag Sinn bekommt

Ein Hilfs­mit­tel allein macht noch kei­nen Unter­schied. Es kann im Raum ste­hen, tech­nisch über­zeu­gen, vie­le Funk­tio­nen bie­ten und trotz­dem wenig bewir­ken, wenn es im All­tag kaum genutzt wird. Wirk­lich hilf­reich wird Ste­hen erst, wenn es regel­mäs­sig mög­lich ist und mit einer sinn­vol­len Tätig­keit ver­bun­den wird. Beson­ders bei Kin­dern ist die­ser Punkt zen­tral. Kein Kind steht ger­ne, nur weil Erwach­se­ne sagen, dass es the­ra­peu­tisch sinn­voll sei. Ste­hen soll­te des­halb nicht als Pflicht­übung erlebt wer­den. Kin­der wol­len spie­len, ent­de­cken, mit­ma­chen. Wenn Ste­hen mit einer posi­ti­ven Erfah­rung ver­knüpft wird, ver­än­dert sich die Hal­tung dazu. Viel­leicht malt ein Kind im Steh­trai­ner am Tisch, hilft beim Teig rüh­ren, arbei­tet an einer klei­nen Werk­bank oder bemalt einen Spie­gel mit Rasier­schaum. Sol­che ein­fa­chen, manch­mal auch spie­le­ri­schen Situa­tio­nen kön­nen hel­fen, das Ste­hen posi­tiv zu besetzen.
In der Bera­tung machen wir immer wie­der die Erfah­rung, dass Eltern den Zusam­men­hang zwi­schen dem Ein­satz eines Hilfs­mit­tels und der kör­per­li­chen Ent­wick­lung ihres Kin­des nicht immer sofort erken­nen. Eine Steh­hil­fe soll nicht das Fami­li­en­le­ben kom­pli­zier­ter machen, son­dern Ent­wick­lung und All­tag unter­stüt­zen. Am Anfang braucht es häu­fig Geduld. Trans­fers müs­sen gelernt wer­den, Rou­ti­nen ent­ste­hen nicht von allein, und nicht jedes Kind fin­det das Ste­hen sofort ange­nehm. Klei­ne, regel­mäs­si­ge Ein­hei­ten kön­nen im All­tag wert­vol­ler sein als ein ambi­tio­nier­ter Plan, der nach kur­zer Zeit nicht mehr umsetz­bar ist.

Erwach­se­ne ste­hen anders

Bei Erwach­se­nen ver­schiebt sich der Fokus. Wachs­tum und Ent­wick­lung ste­hen weni­ger im Vor­der­grund, dafür Selbst­stän­dig­keit, All­tags­taug­lich­keit und kon­kre­te Tätig­kei­ten. Eine im Roll­stuhl inte­grier­te Steh­funk­ti­on zum Bei­spiel, kann dort inter­es­sant wer­den, wo sie im All­tag eine Funk­ti­on über­nimmt: in der Küche, beim Ein­kau­fen, beim Wäsche­ma­chen, im Beruf oder im Auf­ga­ben­be­reich zuhau­se. Wenn jemand vom Sit­zen ins Ste­hen wech­seln kann, ohne zuerst auf­wen­dig in ein sepa­ra­tes Gerät trans­fe­riert zu wer­den, wird Ste­hen leich­ter ver­füg­bar. Es muss nicht als iso­lier­te Mass­nah­me geplant wer­den, son­dern kann in eine Tätig­keit ein­ge­bet­tet sein. Genau das ent­schei­det oft dar­über, ob eine Funk­ti­on genutzt wird oder nicht.
Für Men­schen mit unwill­kür­li­chen Bein­be­we­gun­gen kann ein gut ange­pass­tes Steh­brett ent­las­tend wir­ken. Wenn die Bei­ne sta­bil geführt sind, kann dies Ruhe geben und die Auf­merk­sam­keit auf eine Tätig­keit len­ken. Im Mit­tel­punkt steht also, was durch die Posi­ti­on mög­lich wird. Nicht jede Per­son nutzt eine Steh­funk­ti­on aus den­sel­ben Grün­den. Für die eine steht der gesund­heit­li­che Aus­gleich im Vor­der­grund. Für die ande­re bedeu­tet sie, eine Auf­ga­be ohne Hil­fe erle­di­gen zu können.
Häu­fig wird in die­sem Zusam­men­hang auch von Begeg­nung «auf Augen­hö­he» gespro­chen. Das Bild ist stark, aber nicht ganz ein­fach. Gleich­wer­ti­ge Begeg­nung ent­steht nicht allein durch Kör­per­hö­he. Sie ent­steht durch Respekt, Auf­merk­sam­keit und die Bereit­schaft, sich auf­ein­an­der ein­zu­las­sen. Fach­lich wich­ti­ger ist meist die Fra­ge, was eine Per­son durch die Steh­funk­ti­on kon­kret tun kann, was vor­her nicht oder nur mit Unter­stüt­zung mög­lich war.

Zwi­schen Wunsch, Mög­lich­keit und Finanzierung

Wenn ein Hilfs­mit­tel bespro­chen wird, tref­fen oft meh­re­re Ebe­nen auf­ein­an­der. Da ist der Wunsch nach mehr Selbst­stän­dig­keit oder Ent­wick­lung. Da sind medi­zi­ni­sche und the­ra­peu­ti­sche Über­le­gun­gen. Da ist das Umfeld mit sei­nen Mög­lich­kei­ten und Gren­zen. Und nicht zuletzt die Fra­ge nach der Finanzierung.
Bei Kin­dern und Jugend­li­chen wird Ste­hen häu­fig im Zusam­men­hang mit Ent­wick­lung, The­ra­pie oder medi­zi­ni­schen Mass­nah­men beur­teilt. Bei Erwach­se­nen ist eine Finan­zie­rung über die Inva­li­den­ver­si­che­rung jedoch nur dann mög­lich, wenn die Steh­funk­ti­on für die Erwerbs­tä­tig­keit oder den Auf­ga­ben­be­reich erfor­der­lich ist. Für Betrof­fe­ne und Ange­hö­ri­ge ist das nicht immer leicht nach­voll­zieh­bar, beson­ders weil die gesund­heit­li­che Bedeu­tung des Ste­hens nicht ein­fach mit der Voll­endung des 20. Lebens­jah­res verschwindet.
Gera­de des­halb ist eine sorg­fäl­ti­ge Bera­tung wich­tig. Nicht jede gewünsch­te Ver­sor­gung kann finan­ziert wer­den. Gleich­zei­tig gibt es oft ver­schie­de­ne Wege, die geprüft wer­den kön­nen. Manch­mal ste­hen alter­na­ti­ve Finan­zie­rungs­mög­lich­kei­ten im Raum, etwa über Stif­tun­gen oder Unter­stüt­zungs­stel­len. Wich­tig ist, dass Betrof­fe­ne und Ange­hö­ri­ge trans­pa­rent infor­miert wer­den und ver­ste­hen, wel­che Mög­lich­kei­ten rea­lis­tisch sind.

Die pas­sen­de Lösung ist sel­ten die spektakulärste

In der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung wirkt die tech­nisch ein­drück­lichs­te Lösung schnell wie die bes­te. Mehr Funk­tio­nen, mehr Mög­lich­kei­ten, mehr Beweg­lich­keit. Oft ist die bes­te Lösung nicht die spek­ta­ku­lärs­te, son­dern die­je­ni­ge, die zuver­läs­sig genutzt wird. Bei Kin­dern muss ein Hilfs­mit­tel mit der Ent­wick­lung mit­hal­ten kön­nen. Es soll­te sich anpas­sen las­sen, wenn das Kind wächst oder sich Fähig­kei­ten ver­än­dern. Gleich­zei­tig muss es in Fami­lie, Schu­le und The­ra­pie hand­hab­bar blei­ben. Wenn der täg­li­che Auf­wand zu hoch ist, bleibt selbst eine sehr gute Ver­sor­gung ungenutzt.
Bei Erwach­se­nen stel­len sich ande­re Fra­gen: Ist die Steh­funk­ti­on im All­tag rasch und sicher nutz­bar? Unter­stützt sie kon­kre­te Tätig­kei­ten? Ist sie im Wohn­um­feld oder am Arbeits­platz prak­ti­ka­bel? Bringt sie einen funk­tio­na­len Mehr­wert oder bleibt sie vor allem eine theo­re­ti­sche Mög­lich­keit? Die fach­li­che Beur­tei­lung schaut des­halb über das Hilfs­mit­tel hin­aus auf die gesam­te Situa­ti­on. Kör­per­li­che Vor­aus­set­zun­gen, Sicher­heit, Moti­va­ti­on, Trans­fers, Platz­ver­hält­nis­se, Umfeld und lang­fris­ti­ge Nut­zung gehö­ren zusam­men. Auch Fort­schrit­te oder Ver­än­de­run­gen müs­sen mit­ge­dacht wer­den. Nach­hal­tig ist eine Ver­sor­gung dann, wenn sie heu­te passt und auch mor­gen noch sinn­voll ein­ge­setzt wer­den kann.

Die Rol­le der SAHB

Die SAHB beur­teilt Hilfs­mit­tel­ver­sor­gun­gen unab­hän­gig und her­stel­ler­neu­tral. Im Mit­tel­punkt steht nicht ein bestimm­tes Pro­dukt, son­dern der indi­vi­du­el­le Bedarf. Wel­che Zie­le sol­len erreicht wer­den? Wel­che kör­per­li­chen Vor­aus­set­zun­gen sind vor­han­den? Wo und wie soll das Hilfs­mit­tel genutzt wer­den? Und wel­che Lösung ist im kon­kre­ten All­tag realistisch?
Die­se unab­hän­gi­ge Sicht ist beson­ders wich­tig, weil Ste­hen vie­le posi­ti­ve Mög­lich­kei­ten eröff­net, aber nicht pau­schal beur­teilt wer­den kann. Für die eine Per­son kann eine Steh­funk­ti­on im Roll­stuhl ein ent­schei­den­der Schritt zu mehr Selbst­stän­dig­keit sein. Für eine ande­re ist ein ein­fa­cher Steh­trai­ner im the­ra­peu­ti­schen oder schu­li­schen Kon­text sinn­vol­ler. Und manch­mal zeigt die Abklä­rung auch, dass zuerst ande­re Vor­aus­set­zun­gen geschaf­fen wer­den müssen.
Am Ende geht es nicht dar­um, Ste­hen um jeden Preis zu ermög­li­chen. Es geht dar­um, sinn­voll zu ste­hen: sicher, regel­mäs­sig, all­tags­nah und mit einem kla­ren Nut­zen für die betrof­fe­ne Per­son. Denn Ste­hen ist mehr als auf­recht sein. Es kann bedeu­ten etwas selbst zu errei­chen, den Kör­per anders zu spü­ren oder für einen Moment nicht nur sit­zend am All­tag teilzunehmen.

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