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„Zwar brau­che ich viel län­ger, aber es geht vorwärts!“

Zwei Men­schen, die sich seit vie­len Jah­ren gegen­sei­tig unter­stüt­zen und mit­ein­an­der älter wer­den: René, der an Poly­neu­ro­pa­thie lei­det, und Esther. Was den bei­den dabei hilft? Ihr uner­schüt­ter­li­cher Opti­mis­mus und die Arbeit im gemein­sa­men Garten.

  • von Nino Campanella
Zwar brauche ich viel länger, aber es geht vorwärts! - Die SAHB – Ihre unabhängige Beraterin und Dienstleisterin für Hilfsmittel in der Schweiz 1

Seit rund zwölf Jah­ren woh­nen René (75) und Esther (71) im Aar­gau. Weil den bei­den das Leben in Zürich im Ren­ten­al­ter zu teu­er gewor­den war, such­ten sie nach einer Alter­na­ti­ve – und wur­den in Fahr­wan­gen fün­dig. Ihr «Hexen­häus­chen», wie sie es nen­nen, ver­eint dabei alle Wün­sche: Woh­nen in zwei unter­schied­li­chen Haus­hal­ten im sel­ben Gebäu­de und ein gemein­sa­mer Gar­ten, den es zu bewirt­schaf­ten gilt. Denn die Lie­be zum Gärt­nern ver­bin­det die bei­den. Nicht nur hier hel­fen und unter­stüt­zen sie sich gegenseitig.

René ist gelern­ter Radio- und Fern­seh­elek­tri­ker mit Wei­ter­bil­dung zum Haus­wart. Nach einer Hirn­blu­tung bezog er eine Teil­ren­te, arbei­te­te aber den­noch vie­le Jah­re wei­ter. Seit rund 25 Jah­ren lei­det er zudem an Poly­neu­ro­pa­thie – einer Krank­heit, die das Gefühl in Füs­sen und Hän­den ver­min­dert. Wenn René sich bei­spiels­wei­se an den Füs­sen ver­letzt oder Bla­sen bekommt, spürt er dies nicht. Dadurch ent­stan­den Ent­zün­dun­gen, die schliess­lich zur Ampu­ta­ti­on ver­schie­de­ner Zehen und des rech­ten Vor­fus­ses führ­ten. Nach wei­te­ren Kom­pli­ka­tio­nen muss­te auch sein lin­kes Bein inklu­si­ve Knie ampu­tiert werden.

Trai­nie­ren für das Rad­fah­ren auf der Strasse
Für den frü­her akti­ven Rad­fah­rer war dies zunächst ein har­ter Schlag – schliess­lich konn­te er sein gelieb­tes Hob­by nicht mehr aus­üben. Doch René liess sich nicht unter­krie­gen. Dank inten­si­ver The­ra­pie mit Gang­trai­ning und Kraft­auf­bau kommt er dem Rad­fah­ren lang­sam wie­der näher. Momen­tan radelt er zwar nur auf dem Home­trai­ner, aber die Aus­sich­ten, sich wie­der auf der Stras­se fort­zu­be­we­gen, sind gut. Hier­bei hilft ihm ein com­pu­ter­ge­steu­er­tes Knie­ge­lenk, mit des­sen Unter­stüt­zung er sein Knie kon­trol­liert und sicher beu­gen kann. Auch Trep­pen­stei­gen ist so wie­der möglich.

Aktu­ell ist der 75-Jäh­ri­­ge viel mit Roll­stuhl oder E‑Scooter unter­wegs. Zur The­ra­pie nach Schinz­nach (AG) fährt er bei­spiels­wei­se mit öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln. «Das funk­tio­niert ein­wand­frei», erzählt er. Auf der SBB-App sieht er dabei genau, wel­che Trans­port­mit­tel sich für ihn und sein Gefährt eig­nen. «Weil das so ein­fach geht, nut­ze ich mit dem E‑Scooter oft den ÖV.»

Zwar brauche ich viel länger, aber es geht vorwärts! - Die SAHB – Ihre unabhängige Beraterin und Dienstleisterin für Hilfsmittel in der Schweiz 2 Zwar brauche ich viel länger, aber es geht vorwärts! - Die SAHB – Ihre unabhängige Beraterin und Dienstleisterin für Hilfsmittel in der Schweiz 1

René und Esther vor ihrem «Hexen­häus­chen».
Mit E‑Scooter und ÖV fährt René zur The­ra­pie ins 20 Kilo­me­ter ent­fern­te Schinz­nach (AG).

Bad­um­bau in Eigen­re­gie – auch das funktioniert
Esther wie­der­um stö­bert ger­ne in Bro­cken­stu­ben nach Gegen­stän­den, die den gemein­sa­men Gar­ten zie­ren. «Des­halb nen­nen wir es auch das ‹Hexen­häus­chen›», erzählt sie, «weil im Gar­ten über­all Din­ge her­um­ste­hen und man beim Durch­lau­fen immer wie­der Neu­es ent­deckt.» Mit dem Älter­wer­den gehe jedoch alles etwas lang­sa­mer, und die Kraft neh­me ab. Des­halb hat sich Esther nach der Ampu­ta­ti­on von Renés Bein schwe­ren Her­zens ent­schie­den, den Gemü­se­gar­ten auf­zu­ge­ben. «Allei­ne schaf­fe ich das nicht mehr.»

Die bei­den über­le­gen, wei­te­re Hilfs­mit­tel ins Haus zu holen, einen Trep­pen­lift zum Bei­spiel. Dazu sam­meln sie sämt­li­che wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen. Auch ihre Bade­zim­mer wol­len sie alters­ge­recht umge­stal­ten. René legt dabei selbst Hand an: In Esthers Woh­nung hat er schon gan­ze Arbeit geleis­tet und das Bad umge­baut. Momen­tan wer­kelt er in sei­nen dar­un­ter lie­gen­den vier Wän­den. Hier ersetzt er die Bade­wan­ne durch eine Dusche und tauscht den Dusch-WC-Auf­­­satz gegen ein fes­tes Dusch-WC aus. «Zwar brau­che ich viel län­ger für das Raus­reis­sen, weil ich dabei nicht ste­hen kann», sagt René gut gelaunt, «aber es geht vor­wärts!» Unter­krie­gen las­sen? Nicht mit ihm!

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In Bro­cken­stu­ben stö­bert Esther nach Gegen­stän­den, die den gemein­sa­men Gar­ten zieren.

Poly­neu­ro­pa­thie
Poly­neu­ro­pa­thien sind Ver­sor­gungs­stö­run­gen meh­re­rer Ner­ven, die aus­ser­halb des zen­tra­len Ner­ven­sys­tems (Gehirn und Rücken­mark) lie­gen. Betrof­fen sein kön­nen Ner­ven, die Bewe­gun­gen steu­ern, für Sin­nes­wahr­neh­mun­gen zustän­dig sind oder Infor­ma­tio­nen direkt an das Gehirn leiten.

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