Der Rollstuhltarifvertrag unterscheidet zwischen gelisteten und ungelisteten Elektrorollstühlen. Was ist darunter zu verstehen?
Der Rollstuhltarifvertrag unterscheidet fünf Hauptklassen von Rollstühlen. Dies sind Adaptivrollstühle, einfache Basisrollstühle, Kinderrollstühle, vielfältig verstellbare Spezialrollstühle und Elektrorollstühle.
Damit ein Elektrorollstuhl gelistet, d.h. von der Invalidenversicherung (IV) vergütet wird, muss ihn der Fachhandel, der Importeur oder der Hersteller bei der Modellkommission der Tarifkommission zur Aufnahme eingeben. Diese prüft ihn, denn er muss klar definierte Kriterien erfüllen. Die IV vergütet die gelisteten Rollstühle nach einem Pauschalsystem. Die Ärztin oder der Arzt füllt für die versicherte Person die ärztliche Verordnung zur Abgabe eines Rollstuhls aus. Anhand dieser Verordnung wird der Behinderungsgrad ermittelt. Je nach Behinderungsgrad erhält der Fachhandel eine bestimmte Summe für den Elektrorollstuhl. Es spielt keine Rolle, welchen Rollstuhl aus der Liste die versicherte Person erhält. Jeder Rollstuhl in der Liste kostet die IV gleich viel.
Als der Rollstuhltarifvertrag entstanden ist, hat es nur gelistete Elektrorollstühle gegeben. Ungelistete Rollstühle erfüllen nicht alle Kriterien auf der Liste und werden diese auch nie erfüllen. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass nicht alle Versicherten mit gelisteten Produkten versorgt werden können. Deshalb sind weitere Kategorien dazugekommen: die ungelisteten Elektrorollstühle.
Welche Kategorien unterscheidet man bei den ungelisteten Elektrorollstühlen?
Zuerst hat es die Kategorie der Elektrorollstühle für den Aussenbereich gegeben, wir nennen sie auch Outdoor-Elektrorollstühle. Mit der Zeit hat sich herauskristallisiert, dass manche Versicherte auch mit einem einfacheren Elektrorollstuhl klarkommen. So ist die Kategorie der Elektrorollstühle für den Innenbereich sowie den beschränkten Einsatz im Aussenbereich dazugekommen. Bei den ungelisteten Rollstühlen funktioniert die Finanzierung anders: Die IV vergütet sie nicht durch eine Pauschale, sondern zum Marktpreis.

Ausflüge an steinige Ufer – der JST Mountain Drive macht es möglich.
Dank den kleinen Rädern vorne und hinten verlagert sich das Gewicht, je nachdem ob man einen Hang hinauf- oder hinunterfährt. Der Nutzer ist auch im Schnee sicher unterwegs.
Die Nutzerin führt dank dem JST Mountain Drive ihren Reitbetrieb weiter und ist sicher im Stall, im Sand oder auf Wiesen unterwegs.
(Bild 1–3: © JST Multidrive AG)
Was kann ein Outdoor-Elektrorollstuhl, und wo kommt er zum Einsatz?
Solche Rollstühle sind für unwegsames Gelände, Wiesen oder für die Berge konzipiert. Outdoor-Elektrorollstühle sind ganz anders konstruiert als herkömmliche Elektrorollstühle. Sie haben zum Beispiel einen Vierradantrieb oder eine Bauart, die bei Steigungen automatisch ausbalanciert. Manche Modelle sind breiter, robuster und verfügen über eine andere Traktion.
Für wen eignet sich ein solcher Rollstuhl?
Im Prinzip eignet er sich für alle, die ein Mountainbike auf vier Rädern möchten und gerne auf unbefestigten Wegen unterwegs sind. Wir erhalten immer wieder Anfragen von Personen, die einen Outdoor-Elektrorollstuhl möchten. Hier haben wir jedoch ein versicherungstechnisches Problem, denn die IV sieht einen solchen Rollstuhl nur für Menschen vor, die dort wohnen, wo kein anderer Rollstuhl funktioniert, oder für Personen, die ihn benötigen, um ihrer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Ein Beispiel für eine solche Nutzung können Sie im Erlebnisbericht lesen. Ein weiteres Beispiel ist eine Reitlehrerin: Aufgrund eines Unfalls ist sie Paraplegikerin, kann aber dank dieses Rollstuhls ihren Betrieb weiterführen. Sie fährt auf dem Sandplatz und auf Wiesen umher und führt Pferde aus. Für solche Einsätze finanziert die IV die Rollstühle.
Welche Modelle gibt es in der Schweiz?
In der Schweiz haben sich zwei Modelle etabliert: der Magic Mobility Extreme X8 und der JST Mountain Drive. Der X8 hat einen Vierradantrieb, ist wegen seiner grossen Pneus aber nicht für Städte geeignet. Bei Ballonpneus fahren sich die Reifen auf dem Asphalt sehr schnell ab. Er hat mehr Einstellmöglichkeiten als der JST und ist für Personen mit schwereren Mobilitätseinschränkungen geeignet. Der JST hat einen Zweiradantrieb und verfügt über ein spezielles System, das das Gewicht ausbalanciert.
Sie haben das Modell JST Mountain Drive selbst getestet. Was haben Sie gemacht, und wie waren Ihre Erfahrungen?
Ich war auf dem Stockhorn im Berner Oberland. Zuerst fuhr ich auf dem für Touristen angelegten Wanderweg. Es war kalt und nass, da es tags zuvor geregnet hatte, und die Bodenverhältnisse waren entsprechend schlecht. Doch ich fuhr quer über die Kuhwiesen und war wirklich beeindruckt, wie gut er bremste. Beim Bergabfahren liess ich den Joystick los. Ich dachte, ich würde auf den Rädern weiter rutschen – das ist jedoch nicht passiert. Der Rollstuhl blieb mitten im Hang stehen.
Auch die Art der Konstruktion empfand ich als sehr angenehm. Er hat in der Mitte zwei Antriebsräder sowie vorne und hinten zusätzlich kleine Räder. Fährt man einen Hang hinunter, verlagert sich das Gewicht nach hinten, beim Bergauffahren nach vorne. Ich war stets gut ausbalanciert und hatte nie das Gefühl, in Hanglage aus dem Stuhl zu fallen.
Kann man einen solchen Rollstuhl auch drinnen einsetzen und nur diesen nutzen?
Nein, die Outdoor-Elektrorollstühle sind nicht für drinnen gedacht. Der JST Mountain Drive ist durch den grossen Radsturz viel zu breit und passt durch keine herkömmliche Türe. Ausserdem gilt: Sind diese Rollstühle dort im Einsatz, wo sie hingehören, sehen sie entsprechend aus. Wenn ich mit dem Rollstuhl draussen im Dreck oder im Stall unterwegs war, möchte ich damit nicht mehr ins Wohnzimmer fahren. Der Magic Mobility Extreme X8 ist so massiv gebaut, dass es sich drinnen anfühlt, als würde man mit einem Panzer um den Küchentisch fahren. Das funktioniert nur, wenn jemand sehr viel Platz hat und der Stuhl optimal angepasst ist – sauber ist er dann trotzdem nicht.
Sie haben die Finanzierung bereits angesprochen. Die IV finanziert nicht allen Interessierten einen Outdoor-Elektrorollstuhl. Woran liegt das?
Grundsätzlich hat Anspruch auf einen Elektrorollstuhl, wer sich nicht selbstständig mit einem Handrollstuhl fortbewegen kann. Ist diese Bedingung erfüllt, hat die Person Anspruch auf einen gelisteten Elektrorollstuhl. Anspruch auf einen Outdoor-Elektrorollstuhl hat nur, wer ihn zum Arbeiten braucht oder nur dank ihm nach Hause gelangen kann. Und: Die Person muss ihn selbst fahren können.
Wenn aber jemand unbedingt so ein Modell möchte, kann die Person es bei der IV beantragen. Die IV leistet einen Kostenbeitrag im Rahmen des Rollstuhls, auf den die Person Anspruch hätte. Den Rest bezahlt die oder der Interessent/in selbst. Wir raten unseren Klient/innen von solchen Anschaffungen ab, denn sie verbauen sich bei der IV dadurch vieles: In diesem Fall hat die versicherte Person einen Elektrorollstuhl, den sie draussen nutzen kann. Braucht sie zudem einen Elektrorollstuhl für drinnen, wird es bei der IV schwierig.

Mit seinem Vierradantrieb ist der Magic Mobility Extreme X8 der ideale Begleiter in der Natur.

Dank den grossen Pneus fährt der Magic Mobility Extreme X8 problemlos durch Sand.
Der Magic Mobility Extreme X8 ist auf unterschiedlichste Bedürfnisse anpassbar.
Ein Outdoor-Elektrorollstuhl ist sehr teuer. Gibt es für Interessierte andere Möglichkeiten als die IV, um finanzielle Unterstützung zu erhalten?
Interessierte können bei Stiftungen anfragen, zum Beispiel bei der Pro Infirmis oder der Stiftung Cerebral. Eine Garantie, dass sie zahlen, gibt es allerdings nicht.
Aber: Die Stiftung Cerebral vermietet günstig an verschiedenen Ausflugszielen in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein Elektrorollstühle des Modells JST Mountain Drive, etwa auf dem Stockhorn, wo ich war, oder auch im Freilichtmuseum Ballenberg. Das ist super, denn so können auch Rollstuhlnutzende in den Bergen unterwegs sein.
Gibt es Alternativen für Interessierte, um auf unbefestigten, sehr steilen Wegen und in den Bergen gut unterwegs zu sein?
Eine geländegängige Alternative ist der Swiss-Trac. Dies ist ein Antrieb, den Nutzende an den Handrollstuhl kuppeln. Jedoch strapaziert das Gelände den Handrollstuhl. Wichtig zu wissen ist auch: Die IV ist nicht für die Freizeitgestaltung der Versicherten zuständig. Wer sich einen Swiss-Trac für die Freizeit anschaffen will, muss ihn selbst bezahlen.
Zur Kategorie der Elektrorollstühlen für den Innenbereich gehören auch faltbare Elektrorollstühle. Wer bedarf eines solchen Rollstuhls?
Ein klassisches Beispiel sind Patient/innen mit Multipler Sklerose (MS). Sie können zwar noch selbst gehen, draussen wird dies aber langsam schwierig. Oft sind sie auch mental noch nicht bereit für einen Elektrorollstuhl, brauchen jedoch ein Hilfsmittel.
Welches sind die Vor- und die Nachteile?
Diese Stühle sind für den Innengebrauch gedacht. Somit erfüllt ein faltbarer Elektrorollstuhl seinen Zweck, wenn die nutzende Person damit ins Museum oder Einkaufszentrum will. Die Angehörigen laden den Rollstuhl einfach ins Auto ein, da er verhältnismässig leicht ist. Er ist schnell auf- und zusammengeklappt, jederzeit verfügbar und zu Hause gut verstaubar. Komfortabel sind diese Stühle aber nicht: Sie haben eine kürzere Streckenkapazität als andere Elektrorollstühle, sind weder einstell- noch verstellbar, gar nicht oder nur schlecht gefedert und haben kein Licht. Wegen der kleinen Räder sind Randsteine unüberwindbar. Ausserdem lässt sich die Sitzneigung nicht einstellen, was die Gefahr des Herausfallens birgt.

Der Elektrorollstuhl Quickie Q50R lässt sich einfach zusammenfalten und in die Ferien mitnehmen.
Aus welchen Modellen können Interessierte auswählen?
Da gibt es viele. Meistens ist es regional unterschiedlich, je nachdem, welche Modelle der Fachhandel führt. Bei diesen Rollstühlen handelt es sich um Nischenprodukte. Wir erhalten relativ wenige Anfragen. Jedoch schaffen sich manche Klient/innen selbst ein solches Modell als zweiten Elektrorollstuhl an, zum Beispiel für die Ferien.
Wie sieht die Finanzierung der IV für einen solchen Rollstuhl aus?
Als Erstes muss eine interessierte Person die Abgabevoraussetzungen für einen Elektrorollstuhl erfüllen und darf noch keinen besitzen. Beantragt sie dann einen faltbaren Elektrorollstuhl, ist die Finanzierung im Prinzip kein Problem, denn er ist günstiger als ein gelistetes Modell. Wir raten unseren Klient/innen jedoch davon ab, einen solchen Rollstuhl über die IV zu beziehen. Es ist unsere Aufgabe, sie zu beraten und auch darauf hinzuweisen, dass sie sich mit einem solchen Modell mehr verbauen. Bei Erkrankungen wie MS ist es Realität, dass Betroffene über kurz oder lang ein besseres Hilfsmittel brauchen. Wir denken mit und empfehlen hinsichtlich der Zukunft Hilfsmittel, die langlebiger und anpassbarer sind. Die IV ist daran interessiert, einen Rollstuhl zu finanzieren, der viele Jahre im Einsatz ist und sich an neue Bedürfnisse anpassen lässt – das erfüllen faltbare Rollstühle nicht.
Zur Kategorie der Elektrorollstühle für den Innenbereich gehören die klassischen, kleinen Innenelektrorollstühle. Was zeichnet diese aus?
Ich nenne sie gerne die fahrenden Bürostühle. Sie sind sehr klein, sehr wendig und haben häufig einen integrierten Sitzhöhenlift, durch den Nutzende auf die passende Arbeitshöhe gelangen. Für drinnen als Arbeitsstuhl eignen sie sich sehr gut.
Auch bei diesem Elektrorollstuhl handelt es sich um ein Nischenprodukt. Doch ein solches Produkt hat durchaus seine Berechtigung. Wir hatten schon Fälle, bei denen ein Badezimmerumbau nicht möglich war, aber dank einem solchen Rollstuhl konnte die betroffene Person das Badezimmer erreichen.
Ein solches Produkt eignet sich für Menschen, die eine leichte körperliche Einschränkung bzw. gewisse Restfunktionen haben, wie zum Beispiel Personen mit MS im Anfangsstadium oder einer Hemiplegie.

Schnell aufgeklappt, ist der Elektrorollstuhl Quickie Q50R ideal für Besuche im Einkaufszentrum. (Bild: 4–8: © Sunrise Medical AG)
Was sind die Nachteile?
Zum Teil bringen schon kleine Rampen den Rollstuhl beim Darüberfahren zum Umkippen. Darum ist es wichtig, dass Interessierte genau abklären, wo und wie sie den Rollstuhl einsetzen wollen. Weitere Nachteile sind die kleinen Räder, die kurze Reichweite, die fehlende Beleuchtung und ausser der Sitzhöhe gibt es keine Verstellfunktionen. Das heisst, so ein Rollstuhl ist nicht individuell anpassbar, auch bei der Sitzbreite sind die Auswahlmöglichkeiten beschränkt.
Welche Modelle gibt es auf dem Schweizer Markt?
Das hängt auch vom regionalen Fachhandel ab. Oftmals handelt es sich um Produkte, die kommen und gehen – fast wie Trendprodukte. Diese Elektrorollstühle müssen viel weniger Anforderungen erfüllen als etwa ein Outdoor-Rollstuhl.
Finanziert die IV diese Rollstühle?
Die IV finanziert solche Rollstühle, wenn sie als Arbeitsgerät gebraucht werden, egal ob es sich um jemanden mit einem Bürojob oder um eine Hausfrau handelt, die ihn zum Erfüllen ihrer Aufgaben braucht. Die IV setzt alles daran, die Erwerbstätigkeit der Versicherten zu erhalten.
